An den Orten, zu denen ich gefahren wurde, bin ich nie gewesen. Nur im Gehen öffnen sich die Räume und tanzen die Zwischenräume! Nur im Gehen drehe ich mich mit den Äpfeln im Baum. Nur dem Gehenden wächst ein Haupt auf den Schultern. Nur der Gehende erfährt die Ballen an seinen Füßen. Nur der Geher spürt den Zug durch den Körper. Nur der Geher erfasst den hohen Baum im Ohr – die Stille! Nur der Geher holt sich ein und kommt zu sich. Nur was der Geher denkt, gilt.“ ( Handke )

 

 

Es ist nicht lange her, da hatte es  den Anschein, als sei das Gehen eine längst überholte Form der Fortbewegung. Langsam, mühsam, witterungsabhängig und mit beschränktem Radius. Schneller und im Vergleich weniger anstrengend wird die Nutzung von Eisenbahn, Flugzeug und insbesondere dem Auto empfunden. Gehen als zweckorientierte Bewegung, zügig und effektiv. Möglichst kein Gang zu viel, obwohl der Volksmund behauptet, dass jeder Gang schlank macht. Sportliches Gehen wie zum Beispiel Walken und noch besser Marathon als leistungsorientiertes  Laufen wird dagegen allgemein als sinnvoll, weil gesund, akzeptiert.

 

 

Ich finde es daher erfreulich, dass sich inzwischen das Wandern als eine Steigerungsform des Gehens oder spazieren Gehens wieder zunehmender  Beliebtheit erfreut. Unabhängig von Alter, Outfit und Leistungsanspruch sind Leute unterwegs. Es scheint, als würden die Gedanken bekannter Menschen von Aristoteles bis Thich Nhat Hanh wieder Beachtung finden und auch zur geistigen Auseinandersetzung mit dem Gehen, Laufen oder Wandern beitragen.

 

 

Wie ich unterwegs bin, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Wie ist meine körperliche Konstitution, will ich mich sportlich herausfordern oder liegt der Genuss für mich im Schlendern? Bin ich gern allein unterwegs oder möchte ich die Gesellschaft Gleichgesinnter? Habe ich ein festes Ziel, einen geplanten Weg oder lasse ich mich gern auch mal treiben und von spontanen Entschlüssen leiten?

 

 

Das Unterwegssein hat viele Aspekte. Es ist in der Regel gesund, es regt Körper und Geist an, ist meditativ und kommunikativ. Es gilt die Regel von Paul Preuß: „Das Können ist des Dürfens Maß.“ Das bedeutet, die Anforderungen müssen zur körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit passen, damit sich Spaß und Wohlfühlen einstellen. Die Neurobiologie hat festgestellt, dass wenn wir unsere Sinne in der Natur schärfen und die Achtsamkeitsspannen verlängern, unser Hormonsystem Glückshormone, Endorphine, ausschüttet. Wir fühlen uns zufrieden und glücklich. In der Verbundenheit mit der Natur verändern sich unsere Gehirnströme. Auch soll Bewegung die Entwicklung von Alzheimer beeinflussen. Neben geistiger Aktivität hilft körperliche Aktivität. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass Bewegung das Gehirn jung hält und wichtige Regionen vor dem Schrumpfen bewahrt. Nur drei Tage die Woche mäßig eine halbe Stunde bewegen ist schon ausreichend.

 

 

Neben dem Gesundheitsgedanken trägt die Unwirtlichkeit der Städte und die Entfremdung von natürlichen und jahreszeitlichen Abläufen zur Sehnsucht nach der Natur bei. Der Mensch als Teil der Natur kann sich nur in der Begegnung mit ihr erfahren. Der Wechsel der Jahreszeiten lässt sich nur draußen erleben.

 

Jeder Monat des Jahres hat einen eigentümlichen und unmittelbaren, das heißt vom Wetter unabhängigen Einfluss auf unsere Gesundheit, unsere körperlichen Zustände überhaupt, ja, auch auf die geistigen. (Arthur Schopenhauer)

 

 

"Gehen, einfach nur gehen, egal in welcher Umgebung - und versuchen, das Ziel gewissermaßen als Hintergrundrauschen wahr-zunehmen, vor allem aber im Bewusstsein einen Einklang herzustellen von Körper und Weg. Alles Erhellende ergibt sich meist von selbst. Das ist die Kunst, dort zu sein, wo man ist."

 

Aus "Zu Fuss hält die Seele Schritt." - Gehen als Lebenskunst und Abenteuer von Achill Moser 
 

rolf maybaum geh-danken unterwegs im Ahrntal Südtirol