Es war kaum zu glauben – wahr und wahrhaftig,

 

  es gab große Bäume und große Gewässer,

 

  und alles war voller Leben, musste man da nicht lachen...?

 

  (Astrtid Lindgren – Ronja Räubertochter)

 

 

 


 

 

 

Zum Sonnenaufgang auf den Brocken

 

 

 

Kurzentschlossen machen wir uns auf den Weg zum Brocken.

Der Mond leuchtet, die Sterne funkeln und Sternschnuppen ziehen ihre Leuchtspur über den Himmel. Der Waldbrand zwischen Schierke und Drei Annen Hohne ist weder zu sehen, noch ist Rauch zu riechen. Die größte Gefahr scheint im Moment gebannt, und es gibt keine Einschränkungen für Wanderer.

Beim Start am Ehrenfriedhof bei Oderbrück ist es noch dunkel. Bruno und ich wundern uns über die vielen Autos auf dem Parkplatz. Mond und Sterne beleuchten uns den Weg, da ausser ein paar Fichtenskeletten nichts mehr das Licht verschluckt. Der dunkle Tannenwald von einst ist auch hier abgestorben. Es dauert nicht lange, bis wir auf die ersten Mitwandernden treffen. Manche sehen mit ihren Stirnlampen wie überdimensionierte Glühwürmer aus. Die Luft ist angenehm frisch. Wir erreichen das Brockenplateau noch vor Sonnenaufgang und lassen die besondere Stimmung auf uns wirken. Jetzt wird auch klar, warum der Parkplatz bereits gut gefüllt war.

Hier oben teilen wir uns den Gipfel mit vielen Menschen, die in gespannter Ruhe auf die Sonne warten. Alle haben den Blick nach Osten gerichtet. Dann erscheint ein schmaler, rot-orange leuchtender Bogen zwischen Dunst und Wolken. Schnell wird daraus greller Ball und es scheint, als würden seine Konturen am Horizont zerfliessen. Vor dieser Kulisse nehmen wir uns die Zeit für ein ausgedehntes Frühstück, um uns für den Rückweg zu stärken. Jetzt im Sonnenschein können wir alles sehen, was beim Aufstieg noch im Dunklen verborgen war.

Für diese Augenblicke hat sich das sehr frühe Aufstehen auf jeden Fall gelohnt. Der fehlende Schlaf kann bei einer ausgedehnten Mittagspause zu Hause nachgeholt werden.

August 2022

 


Foto: Günter Kretzer
Foto: Günter Kretzer

 

 

Wettervorhersage

 

 

Wochenlange Hitze und Trockenheit hat die Erde ausgetrocknet, einige Pflanzen sind bereits verdorrt und andere kümmern im Überlebensmodus dahin. Endlich wird für das Wochenende langersehnter Regen angekündigt. Ausgerechnet an diesem Samstag habe ich mich mit einigen wanderfreudigen Menschen zu einer Tour verabredet. Wir wollen bei Langenstein zu den Überresten der Altenburg, vorbei an den Kirschwiesen und dem Hoppelberg bis zur Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge gehen.

 

Auf dem Rückweg in den Höhlenwohnungen am Schäferberg ein besonderes Zeugnis früher Wohnkultur besichtigen und den Wandertag im Schäferhof bei Kaffee und Kuchen ausklingen lassen.

So weit, so gut. Die Vorhersagen unterschiedlicher Wetter Apps sagen für den Tag unisono anhaltend leichte Regenschauer vorher. Einerseits eine ersehnte Wetterlage, andererseits etwas unpassendes Wanderwetter. Regenkleidung wird vorsorglich angezogen oder auf alle Fälle im Rucksack verstaut. Telefonisch wird sicherheitshalber noch mal angefragt, ob wir tatsächlich gehen wollen. Aber ich hatte ja angekündigt, dass wir bei jedem Wetter wandern werden. Auf der Hinfahrt stimmt alles mit den Vorhersagen überein. Am Treffpunkt ist jedoch von Regen keine Spur. Und so wird es den ganzen Wandertag über bleiben. Aller Regenschutz ist überflüssig, obwohl der Himmel sehr bedeckt ist. Zum Abschluss traut sich sogar die Sonne hervor.

Hätten wir uns auf die Prophezeiungen der Wetterfrösche verlassen, hätten wir einen erlebnisreichen Wandertag verpasst. Also, einfach mal was wagen und losgehen, umkehren kann man ja immer noch.

Juli 2022

 


 

 

Wieder ein Augenblick

 

 

In diesem Jahr die erste Wanderung aus dem Wanderführer „Dein Augenblick – Harz“. Vom Oderhaus bei St. Andreasberg durch das tief eingeschnittene obere Odertal zum Oderteich.

Ich laufe auf einer Forststrasse, die immer sanft ansteigend bis zum ältesten Oberharzer Stauteich führt. Ab und zu spenden Laubbäume etwas Schatten, doch überwiegend säumen, wie überall im Harz, abgestorbene Fichten den Weg. Einige stehen wie Erinnerungen an die ehemalige Monokultur in grauer Nackheit aufrecht zwischen bereits gefällten oder vom letzten Sturm umgeworfenen Bäumen.

Die Luft ist schwül, und ausser mir ist hier im Augenblick niemand unterwegs.

 

Die Gedanken können fließen und da mich keiner beobachten kann, gehe ich ein Stück im sogenannten Pilgergang, zwei Schritte vor, einen zurück. Nachdem ich in den Rhythmus gefunden habe, kann ich den Blick vom Boden lösen und die unmittelbare Umgebung auf mich wirken lassen. Kurz taucht ein alter Reflex auf, dass dieses Schlendertempo meine Durchschnittsgeschwindigkeit versaut. Aber wen will ich noch damit beeindrucken, möglichst schnell durch die Gegend gehuscht zu sein. Wer weiß, ob ich diesen Weg noch einmal gehen werde, wann ich wieder die Gelegenheit haben werde, genau diesen Augenblick in mich aufzunehmen. Also alles ist jetzt stimmig, der alte Leistungsanspruch hat heute Pause.

Am Oderteich ist natürlich mehr Betrieb, aber ich ich finde einen guten Rastplatz um auszuruhen. Der Rückweg führt mich vorbei am Königskrug. Auf die dort servierten spektakulären Windbeutel verzichte ich gern und genieße stattdessen die herrliche Aussicht von den Hahnenkleeklippen. Der Wind frischt etwas auf und macht die Hitze erträglich. Kurz vor Ende meiner heutigen Wanderung gönne ich mir in der Gaststätte Rinderstall noch eine Erfischung. Noch zweieinhalb Kilomter, und ich bin am Ausgangspunkt zurück.

Viele Augenblicke bleiben in Erinnerung.

Juli 2022

 


 

 

Immer was los

 

Es war viel los, in der ersten Jahreshälfte.

 

Ein paar Tage im Sauerland. Willingen, ein touristisch überfüllter Ort, der mit „mehr als Sie erwarten“ wirbt. Stimmt, von mir aus wäre weniger mehr gewesen, aber davon kann eine Tourismusindustrie ja nicht leben. Doch obwohl über den Ettelsberg ein kalter Wind fegte, konnten wir entspannt wandern. Auf dem Kahlen Asten, dessen meteorologische Daten in meiner Kindheit immer ein Teil der Wettermeldungen waren, schien die Sonne und der Blick ins Sauerland schien unendlich. Die Bruchhauser Steine mit Felsformationen zum Staunen und noch einiges mehr. Eine Vielzahl von Eindrücken, die allesamt verarbeitet werden wollen.

 

Eine Wanderung durch das Eckertal zwischen Stapelburg und Abbenrode, in dem der schon blühende Bärlauch noch seinen würzigen Duft verströmte. Viel wissenswertes in Abbenrode über die Ortsgeschichte und die Aufgaben und Bedeutung der vielen Wassermühlen des Ortes. Und nicht zu vergessen, zum Abschluss der leckere Kuchen im Café Grünspan.

Mit zwei Freunden, die tatsächlich bisher noch nie auf dem Brocken waren, von Oderbrück aus zum Gipfel. Und das bei bestem Wanderwetter und Blick aus 1141 Metern Höhe in alle Richtungen.

 

Vier Tage mit Freunden in Emden, die für zwei von uns Heimatstadt war und ist und wir somit in ganz persönliche Geschichten der Stadt eintauchen konnten.

Das 9€ Ticket nutzen und mit der Schmalspurbahn von Quedlinburg nach Alexisbad dampfen.

Ein Streifzug durch die schattigen Wälder bei Bad Salzdetfurth und eine Stadtführung durch einen kleinen Teil Hamburgs. Eine ehemalige Mitschülerin von mir, die schon viele Jahre in Hamburg lebt, hat sich die Zeit genommen, uns durch ihre Umgebung zu führen. Eindrücklich und persönlich, so dass es ein nachhaltiges Erlebnis war.

 

Und dann waren da noch die vielen kleinen und großen Alltäglichkeiten, die die Zeit vorbeieilen ließen.

 

Die Pandemie ist zur Gewohnheit geworden. Inzidenzen, die uns anfangs in einen strikten Lockdown verbannt hätten, werden nur noch schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Die alte Freiheit kehrt zurück, der Abstand schwindet. Dachte ich zuerst noch, die letzten zwei Jahre hätten auch Zeit zum Nachdenken und Neuausrichten sein können, kommt es mir augenblicklich wie ein trotziges „Jetzt erst recht!“ vor. Alles Versäumte wird im Zeitraffer nachgeholt. Die wilden zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts.

 

Und dann ist da auf einmal jemand, der tatsächlich macht, was er lange schon angekündigt hat. Der seine Phantasie einer Weltordnung gewaltsam umsetzt. Der sich nicht um meine Entrüstung schert. Ich habe diese Gewalt nicht für unmöglich gehalten, habe mich vor ihr gefürchtet und wurde dafür manchmal belächelt. Aber die Realität eines Krieges so nah, hat mich fassungslos gemacht. Die Frage, ob nun mein Leben einfach so weitergehen kann, war spätestens in dem Augenblick, als mein Enkel fragte: „Wo gehen wir hin, wenn der Krieg auch zu uns kommt?“ völlig offen. Meine Hilflosigkeit hat mich beunruhigt.

 

Und nun, nach fünf Monaten Krieg, beginnt sich eine Gewöhnung einzuschleichen. Trotz der täglichen Meldungen, Diskussionen und Bilder der Menschen, die aus dem Kriegsgebiet in meiner Nachbarschaft gestrandet sind. Trotz der Auswirkungen, die jetzt auch in meinem täglichen Leben zu spüren sind.

 

Nichts mehr hören und sehen von Corona und Krieg und deren Folgen, das klingt verlockend. Aber eine Auseinandersetzung mit der Welt, in der ich lebe ist unvermeidlich. Ich will es wie beim Laufen halten: den Blick nicht auf die Zehenspitzen richten und dabei die Hindernisse, aber vor allem die Schönheiten übersehen, sondern den Kopf heben, um in die Welt so wie ist zu schauen und den Weg im Blick zu behalten.

Juli 2022

 


 

Regen – Wetter

 

Ich muss die Regentonnen, die vom Regen der letzten Zeit reich gefüllt sind, dringend leeren, damit sie vom angekündigten Frost nicht gesprengt werden. Eimer für Eimer versickert das Wasser im Straßengraben. Im Garten selbst kann ich es jetzt nicht gebrauchen. Das „schlechte Wetter“ hat den Lehmboden stellenweise in eine klebrige und glitschige Masse verwandelt. Die Pflanzen haben schon lange keinen Durst mehr. Sonnenschein, der die reichliche Feuchtigkeit in neue Wolken verwandeln könnte, ist nicht angesagt.

 Da passt es genau, dass mir Theo ein Buch, das ihn beeindruckt hat, als Lektüre empfiehlt. Christian Sauer hat seine Gedanken zu „Regen“ eine Liebeserklärung an das Wetter wie es ist genannt. Über mehr als einhundertfünfzig Seiten spannen sich Gedanken über den Regen, das sogenannte schlechte Wetter. Wettervorhersagen und Wetter-Apps, die unser natürliches Gefühl für das Wetter beeinflussen. Unsere Alltagssprache, die mit dem Wort Regen fast ausschließlich schlechte Gefühle verbindet. Über das Risiko, sich dem Regenwetter auszusetzen und die Freude über jede kleine Pfütze in die wir als kleine Kinder hüpften. Wie Regen unsere Wahrnehmung verändert. Wie Regen zum Innehalten zwingt, wenn wir nicht einfach weitermachen können. Die Freude, wenn wir dem Regen getrotzt haben und von der Kälte der durchnässten Kleidung in der Erinnerung nur wohlige Wärme bleibt.

 Es war eine spannende Lesereise in die Welt des Regenwetters. Vielschichtig, lehrreich und humorvoll. Eigentlich bin ich im Großen und Ganzen auf dem richtigen Weg – einfach mal losgehen und sehen, wie es wirklich draußen ist. Bereichernd waren neue und andere Sichtweisen und Anregungen.

 

Mit dem Wetter hadert man nicht, man gibt sich ihm hin.

 (Udo Schroeter)

Januar 2022