Ewig erzählen sie dir etwas über die Freiheit des Individuums.

Aber wenn sie mal ein freies Individuum sehen, macht es ihnen eine Scheißangst.

 (aus  „Easy Rider“)

 

 

 

 


Den Alltag sortieren

 

 

Es ist mal wieder Zeit, den Alltag zu sortieren. Vieles ist zu erledigen. Die Wildnis des Grundstücks muss gebändigt werden, damit die Nachbarn nicht weiter unter wuchernden Brombeeren leiden, das Finanzamt erinnert an die fällige Steuererklärung, das Auto muss zur Inspektion. Ein letztes Konzert der Pretty Things in der Bluesgarage steht bevor, die Zeit mit den Enkelkindern ist wertvoll, das Gespräch mit einem guten Freund soll fortgesetzt werden und die Sehnsucht nach ein oder zwei Tagen an der Ostsee wird größer. Ich nehme mir eine kleine Auszeit im nahe gelegenen Wald. Die große Hitze ist abgelöst durch kühle Luft, die ein kräftiger Wind durch den Wald wirbelt. Böen zerzausen die Baumkronen und, ein paar aus dunkelgrauen Wolken rieselnde Regentropfen begleiten die ersten herbstlich gefärbten Blätter auf ihrem taumelnden Weg zum Waldboden. Der Buchenwald wirkt wie eine Kathedrale, deren dichtes Blätterdach auf zahllosen Buchensäulen ruht. Wie durch buntes Glas dringt das fahle Licht in den luftigen Raum und taucht den Wald in milde Farbtöne. Den Rücken an eine kräftige Buche gelehnt, kommen die Gedanken zur Ruhe und ordnen sich, begleitet von Blätterrauschen und Vogelstimmen, wieder.

September 2018

 


Schlaubetal

 

 

Hiltraut und Monika lertnen sich auf einer Geburtstagsfeier kennen. Die eine aus Hildesheim, die andere aus Kieselwitz bei Eisenhüttenstadt. Unterschiedliche Welten und Lebensläufe und doch wurden im Gespräch viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Die beiden bleiben in Verbindung, sie tauschen Fotos und Kurzmitteilungen aus und schreiben sich ausführliche Briefe. Schließlich folgt die Einladung nach Kieselwitz, um sich und die dazugehörenden Männer Rolf und Günter und die Hunde Mona und Moritz auch persönlich noch besser kennen zu lernen. Außerdem ist der Naturpark Schlaubetal sowie Eisenhüttenstadt, die Oder, das Kloster Neuzelle und vieles andere in der Umgebung sehenswert.

 

Nach etwa vier Stunden Fahrt kommen wir in Kieselwitz an und werden von Monika und Günter herzlich begrüßt. Der Zwergschnauzer Moritz als tierischer Hausherr ist ebenfalls sehr erfreut über den Besuch unserer Mona. Freundliches Beschnuppern und eine Runde übers Grundstück verheißen einen entspannten Aufenthalt für alle Beteiligten.

Der erste Weg führt uns ins Städtische Krankenhaus Eisenhüttenstadt in dem in einer Ausstellung unter anderem Bilder von einer Tochter von Monika und Günter ausgestellt werden. Ihre Bilder sind eine gute Einstimmung auf unser nächstes Ziel, das Kloster Neuzelle, etwa acht Kilometer südlich von Eisenhüttenstadt. Vor knapp 750 Jahren errichteten Zisterzienser diese beeindruckende Klosteranlage, deren Mittelpunkt die barocke Kirche St. Marien bildet. Eine Pracht, in der die Augen nicht verweilen können, einem Wimmelbild ähnlich, werden die Blicke immer wieder von neuen Wand- und Deckenmalereien und Skulpturen angezogen. Einen beruhigenden Kontrast bildet der anschließende Gang durch die weitläufige Gartenanlage. Nach der Säkularisierung im Jahr 1817 war einem Waisenhaus im Klosterbereich auch ein Lehrerseminar angeschlossen. Seit 2017 soll das Kloster durch Zisterziensermönche aus der Abtei Stift Heiligenkreuz in Österreich wiederbelebt werden und in den folgenden Jahren in der Nähe ein Klosterneubau entstehen.

Etwas später fahren wir noch nach Fürstenberg. Ursprünglich ein eigenständiger Ort, direkt an der Oder gelegen, der seit 1961 ein Ortsteil Eisenhüttenstadts ist. Ein sehenswerter historischer Altstadtkern mit vielen restaurierten Baudenkmalen, aber auffällig wenig Leben. In der milden, sommerlichen Abendstimmung genießen wir den Weg an die Oder und haben über sie hinweg einen Blick ins benachbarte Polen. Ein friedliches Bild, ohne Spuren von alten Grenzanlagen, wie ich sie zum Beispiel aus dem Harz kenne. Günter erklärt mir, dass es so etwas auch zu DDR Zeiten hier nicht gab und er ohne weiteres an der Oder angeln konnte.

Am folgenden Tag umrunden wir den im Schlaubetal liegenden Wirchensee. Das diese Gegend als schönstes Bachtal Brandenburgs bezeichnet wird, können wir ohne Einschränkung bestätigen. Auch der langersehnte Regen schmälert nicht den Genuß, sondern wir genießen im Gegenteil den frischen Duft, der durch die Feuchtigkeit entsteht. Am Nachmittag sind wir in Eisenhüttenstadt. Die Stadt wurde 1950 als sozialistische Wohnstadt für das Eisenhüttenkombinat gegründet. Heute hat Eisenhüttenstadt nur noch etwa halb so viel Einwohner wie 1988, dafür ist sie heute das größte Flächendenkmal Deutschlands. Ich befürchte, dass sich die Menschen damals unter den versprochenen blühenden Landschaften etwas anderes vorgestellt haben. Viel Licht und viel Grün lassen die Gebäudekomplexe trotz ihrer Größe freundlich erscheinen, zumal der überwiegende Teil durch die Restaurierungen in sehenswertem Zustand ist. Im „Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR“ gibt es dann anhand zahlreicher Exponate noch einen Einblick in die materielle Kultur des Alltags.

Am nächsten Tag machen wir zum Abschluss unserer Exkursion um und durch das Schlaubetal noch einen Rundgang um den Treppelsee zwischen Siedichum und Bremsdorf. Ein fischreiches Idyll an dessen Ufern die Bieber scheinbar jeden Baum angenagt haben. Sie schrecken auch vor dicken Buchen nicht zurück, obwohl sie denen nur die Rinde im unteren Bereich abknabbern. Viele von den jüngeren Bäumen haben sie jedoch gefällt und für ihre Baumaßnahmen verwendet.

 

Wir haben bei unserem kurzen Aufenthalt im Schlaubetal viel gesehen und jede Menge neuer Eindrücke gesammelt. Durch die Begleitung von Monika und Günter haben wir darüber hinaus einen ungewöhnlich tiefen Einblick in den Alltag und persönliche Geschichten bekommen, sodass wir nicht nur Bau- und Naturdenkmäler gesehen haben, sondern etwas mehr vom Leben dahinter erfahren haben. Vielen Dank für eure Gastfreundschaft und die Offenheit mit der wir uns austauschen konnten.

September 2018

 


Männertour

 

 

Einmal im Jahr sind wir gemeinsam unterwegs, mal zu viert, mal zu sechst; mal mit dem Rad und mal zu Fuß. Dieses Jahr stand eine Harzwanderung auf dem Programm. Und da wir inzwischen alle, bis auf einen, nicht mehr berufstätig sind, war die Terminfindung einfacher als bisher.

Von unserem Hotel im Ilsetal aus gingen wir am Dienstagmittag einen kurzen Weg zum Kloster Ilsenburg und genossen dort eine sehr informative und kurzweilige Führung. Mittwochmorgen brachen wir zum Brocken auf. Natürlich war ich schon viele Male auf dem Gipfel, aber jeder Aufstieg vermittelt andere Eindrücke, so dass es sich für mich immer wieder lohnt. Für einen meiner Mitwanderer war es sogar eine Erstbesteigung. Anfangs war es noch bedeckt und nicht so heiß wie die meiste Zeit dieses Sommers, aber im Verlauf des Tages wurde es immer sonniger und wärmer. Sogar etwas Fernsicht vom Brockenplateau war möglich. Der Aufstieg über den Heinrich-Heine-Weg war abwechslungsreich, aber im letzten Teil sehr steil. Auf dem Rückweg über das Brockenbett und an der verdeckten Ilse vorbei wurden die Beine langsam müde. Am Nachmittag kamen wir verschwitzt und eingestaubt wieder im Ilsetal an.

Nachdem wir am Mittwoch ein Stück auf dem Klosterwanderweg bei Drübeck unterwegs waren und uns im Klostercafé gestärkt hatten, trafen wir uns in Stapelburg an den Überresten der ehemaligen innerdeutschen Grenze mit zwei ehemaligen DDR Grenzern. Aus erster Hand erfuhren wir Einzelheiten zum Aufbau der Grenzanlagen und persönliche Erfahrungen und Einstellungen. Heute arbeiten die ehemaligen Grenzer beider Seiten zusammen an der Dokumentation der Zeit der deutschen Teilung.

Anschließend ging es wieder zurück nach Hause, wo die Planungen für die nächste Unternehmung beginnen können.

August 2018


Sommerlicher Waldspaziergang

 

 

Seit Wochen ist es heiß, kein nennenswerter Niederschlag. Der beste Ort ist jetzt die abendliche Terrasse, wenn die Sonne bereits lange Schatten wirft und die Temperaturen auf erträgliche 25° sinken. Aber die Lust am Unterwegssein ist ungebrochen. Die Beine und der Kopf werden unruhig, wollen draußen sein und hochsommerliche Eindrücke aufnehmen.

So brechen wir am fast noch frühen Morgen, um halb neun in Derneburg auf, um im schattigen Wald zurück nach Hildesheim zu gehen. Der direkte Weg vom Bahnhof über die Innerste und die Autobahn ins Vorholz ist seit dem Abriss der kleinen Autobahnbrücke nicht mehr möglich und so machen wir einen kleinen „Umweg“ über Grasdorf. Kaum vorstellbar, dass wir diesen Weg im letzten Jahr hätten schwimmen müssen, weil das Hochwasser alles in eine Seenlandschaft verwandelt hatte, und die Menschen anstatt in ihren Gärten auszuruhen, damit beschäftigt waren, ihre Habseligkeiten so gut wie möglich in Sicherheit zu bringen. Bald sind wir auf dem ehemaligen Wanderweg Hildesheim - Harz. Die Wegführung musste wegen des Abrisses der Autobahnbrücke verändert werden, und damit niemand dem alten Verlauf folgt, wurden die Wegmarkierungen unkenntlich gemacht.

Erstaunlich, wie schnell die Natur sich ihren Platz zurückerobert. Der alte Pfad ist an vielen Stellen nur noch zu erahnen, und obwohl wir schon oft hier unterwegs waren, müssen wir uns zwischendurch mit einem Blick auf die Karte versichern, noch auf dem richtigen Weg zu sein. Vertraute Besonderheiten wie Schlammkuhlen und Wasserlöcher sind nach der wochenlangen Trockenheit verschwunden und die beim letzten Wintersturm umgestürzten Bäume zwingen zu kleinen Abstechern durch das Unterholz. Die Wege sind staubtrocken, und die vielen abgeworfenen Blätter der Laubbäume verbreiten einen ganz seltenen Duft. Besonders die noch grünen, aber durch Trockenheit zerbrechlichen Erlenblätter, verströmen ein an Tee erinnerndes Aroma.

Überwiegend aber gehen wir entspannt, machen reichlich Trinkpausen, hängen Gedanken nach und reden über das Weltgeschehen und die kleinen, wirklich wichtigen Dinge im Leben. Kurz vor dem Brockenblick trenne ich mich von meinen Mitwanderern und gehe aus dem „kühlen“ Schatten des Waldes, an eine abkühlende Dusche denkend, in der gleißenden Mittagshitze über abgemähte Weizenfelder schnurstraks nach Haus.

 Juli 2018


Ahrntal

 

 

Zehn Jahre ist es her, das wir im Ahrntal waren. Das Tal liegt auf der Südseite der Zillertaler Alpen und erstreckt sich von Sand in Taufers im Süden bis nach Kasern im Nordosten. Das Klima ist etwas rauher  als zum Beispiel das Eisacktal oder das Ultental. Oft kommen von Norden her dichte Wolken über die Zillertaler Alpen und von Kasern sagt man, dort sei es neun Monate Winter und drei Monate kalt. Wir hatten jedoch großes Glück  - tagsüber nur wenige Regentropfen, meistens Sonne, Wärme und ein angenehmer leichter Wind. Ideales Wanderwetter. Zur Eingewöhnung fuhren wir mit der Seilbahn zum Klausberg und stiegen zu Fuß über die „Speck und Schnapsalm“ bis zur Baurschaftalm auf. Wie schon vor zehn Jahren, so wurden wir auch diesmal an der „Speck und Schnapsalm“  mit lauter Pseudovolksmusik beschallt, die alle Kräfte zum schnellen Vorbeieilen mobilisierte. Manches bleibt einfach schrecklich unpassend. Beim Rückweg entschieden wir uns für die etwas kürzere, aber zunehmend anspruchsvolle, weil immer steiler werdende Variante. Zur Strafe gab’s die nächsten zwei Tage einen ordentlichen Muskelkater in den Oberschenkeln. Als Entspannung empfanden wir am nächsten Tag den fast ebenen Weg um den Neves-Stausee bei Mühlwald. Wir genossen die fast schon hochalpine Landschaft und den Blick auf die umliegenden Dreitausender wie zum Beispiel den großen Möseler. In den folgenden Tagen wechselten sich Abstecher nach Brunneck, Innichen, Brixen und Kloster Neustift mit Wanderungen und Bergtouren ab. Das ist für uns eine gelungene Mischung aus Südtiroler Urbanität, die manchmal schon einen spürbar südländischen Einschlag hat, und dem Naturerlebnis in der Bergwelt. Meine geplante Wanderung zur Birnlücke fiel leider aus, da die auf 2441 Meter gelegene Hütte noch nicht bewirtschaftet war, und oberhalb in der Birnlücke auf 2665 Meter noch eine Menge Schnee lag. Die Birnlücke ist ein Grenzpass am Westende der Hohen Tauern, zwischen der Venedigergruppe und den anschließenden Zillertaler Alpen. Über den Übergang verläuft seit 1919 die Grenze zwischen Österreich und Italien. Schon  Kaiser Karl IV. zog 1365 über diesen Weg nach Italien. Lange bevor es die Brennerautobahn gab, über die sich heute eine nicht enden wollende Lastwagenkolonne schiebt. Nach zwei Wochen voller Eindrücke und verbesserter Kondition verlassen wir das Ahrntal mit dem festen Vorsatz, wieder in eines der Südtiroler Täler zurückzukehren.

Juni 2018


Weitwandern

 

Heute war ich wieder mit einem Teil der verbliebenen Hildesheimer Weitwanderer unterwegs. Angepeilt war eine Strecke von etwa 15 Kilometern von Derneburg nach Hildesheim. Es versprach eine gemütliche Tour im Süden Hildesheims zu werden, mit verhaltenem Tempo durch lichten Frühlingswald, etwas bergauf und bergab und mit vielen Aussichten bis hin zum im Dunst liegenden Brocken. Hier und da eine kurze Diskussion über den Wegverlauf: gehen wir rechts den schmalen Pfad oder besser links den Forstweg oder nehmen die Abkürzung geradeaus? Und immer mal wieder ein kurzer Stopp, um eine Hinweistafel zu lesen oder einen essbaren Baumpilz für das Abendessen mitzunehmen. Ich hatte genug Muße, meinen Erinnerungen nachzugehen.

 

Meine erste Weitwanderung machte ich im Mai 1995. Fünfundvierzig Kilometer auf dem Kaiserweg von Bad Harzburg nach Walkenried, das sollte ich wohl schaffen. Als wir in Bad Harzburg aus dem Zug stiegen, regnete es leicht und einige meiner Mitwanderer legten ein Tempo vor, als müssten sie noch schnell ein paar Besorgungen für die heutige Wanderung machen. Bis zum Molkenhaus war ich nasser vom Schwitzen als vom Regen! Die alten Hasen wollten mal testen, was der Neue, und mit einundvierzig Jahren Jüngste,  so drauf hat. Und als ich nach der Pause nicht auf dem schnellsten Weg wieder zurück zum Bahnhof fliehen wollte, hatte ich meine erste Prüfung bestanden. In den folgenden Jahren war ich , wann immer möglich, jeden ersten Samstag im Monat dabei. Mindestens vierzig Kilometer mussten es sein, oft waren es fünfzig, sechzig oder siebzig, egal bei welchem Wetter. Die Meisten, die von unserem Hobby hörten, hielten uns mindestens für verrückt, einige bewunderten uns für diese Verrücktheit. Es gab so gut wie keine Diskussion über den Streckenverlauf. Siegfried hatte den Weg ausgearbeitet und einen Zeitplan erstellt. Er hatte die Karte immer griffbereit und war stets über unsere augenblickliche Position im Bilde. Diskutiert wurde höchstens, ob wir nicht doch einen Zug früher nach Hause erwischen könnten, wenn wir etwas zügiger (mehr als 6 km/h) gehen würden. Wir glaubten, im guten Sinn, besonders zu sein, waren stolz auf unsere Leistung und vielleicht auch ein bisschen überheblich gegenüber denen, die nicht so schnell und ausdauernd durch die Landschaft hasteten. Für fünfzehn Kilometer hätte sich damals keiner von uns die Schuhe zugebunden.

Heute konnte ich die Langsamkeit genießen. Die Pausen, das Warten auf den dreiundachtzigjährigen Wanderfreund, der nicht mehr so leichtfüßig bergauf kam. Ich genoss die spontanen Entscheidungen über den Wegverlauf und war am Ende doch ein wenig stolz, dass es statt der angedachten fünfzehn doch fast achtundzwanzig Kilometer geworden sind. Aber es war ein anstrengender Weg zu dieser Gelassenheit.

Mai 2018


geh-danken kleine rast

Hildesheimer Runde

 

Der Wunsch, endlich wieder einmal allein eine lange Wanderung zu machen, wuchs mit jedem Sonnentag. Am Samstag passte alles: sonniges und mildes Frühlingswetter, freie Zeit und gutes Körpergefühl. Ein grober Plan existierte in meinem Kopf, ich wollte mich jedoch von den Gegebenheiten und spontanen Entschlüssen leiten lassen. Kein Zeitlimit, das heißt eher langsamer als schneller. So entwickelte sich der heutige Weg. Von Itzum über den, Gott sei Dank noch unbebauten Wasserkamp durch das Naturschatzgebiet „Am roten Steine“ hinunter zur Innerste. Weiter über Domäne Marienburg und Egenstedt zum Kloster St. Romuald bei Röderhof. Hinauf auf den Kammweg und vorbei am Gipfelkreuz des Tosmarberges wieder bergab. Mein Plan war, auf dem Wanderweg vom Söhrer Forsthaus nach Diekholzen zu gehen. Durch den Sturm Friederike waren jedoch viele Nadelbäume umgestürzt, die immer noch den Weg versperrten und so ging ich trotz guter Ortskenntnis wieder bergan, anstatt auf gleicher Höhe zu bleiben. Früher hätte ich mich über so ein Missgeschick geärgert, wäre wahrscheinlich umgekehrt und hätte das Tempo erhöht, um den „Fehler“ wieder auszugleichen. Heute nahm ich es gelassen und begann den Umweg trotz Steigung zu genießen. Ich kam wieder auf den Wanderweg „Calenberg – Harz“, den ich kurz hinter dem Gipfelkreuz schon einmal verlassen hatte, und ging weiter über Diekholzen durch den Escherberg bis Bosch-Blaupunkt und dann über Marienrode, Heidekrug und Söhre zurück nach Hause. Ich konnte sechs Stunden und einunddreißig Kilometer eine abwechslungsreiche Landschaft genießen und habe den Weg mit Ausnahme einer kleinen Blase ohne große Blessuren überstanden. Ich bin dankbar für diese Augenblicke und die Möglichkeit, meine Wünsche zu erfüllen.

Mai 2018

 


Nachtspaziergang

  

Mal sehen, wie das ist, wenn die Dunkelheit die Umgebung verhüllt und die Augen nicht mehr so nützlich sind. Selbst bekannte Umgebungen erscheinen uns unbekannt, wenn die Füße den Weg ertasten und Nase und Ohren uns neue Eindrücke vermitteln. Anstatt den Blick in die Weite zu richten, lädt die Dunkelheit zum Innehalten ein.

Um den Übergang von der Dämmerung in die vollkommene Dunkelheit im Wald selbst zu erfahren, machte sich an einem Freitagabend eine Gruppe Neugieriger vom Söhrer Forsthaus aus auf den Weg. Zu Beginn leuchtete die Sonne noch über den Hildesheimer Wald und tauchte die im „Potte“ vor uns liegende Stadt und ihre Umgebung in strahlendes Licht. Am Waldrand entlang war es noch ganz unspektakulär, wenn man von der Vielzahl unterschiedlicher Grüntöne absah. Helles, fast durchscheinendes Grün der jungen Buchenblätter, sattes Grün der Gräser und dunkles Grün der Nadelbäume. In der Windstille war kein Blätterrauschen zu hören, dafür erschienen die Vogelstimmen um so lauter. Langsam wurde es dämmerig und die Vielfalt der Farben wurde ausgetauscht gegen unterschiedliche Grautöne, bis hin zu tiefem Schwarz. Vereinzelt beobachteten wir Fledermäuse, die in ihrem typischen Zickzackkurs über unsere Köpfe huschten.

 

 „Es liegt im Stillsein eine wunderbare Macht der Klärung, der Sammlung auf das Wesentliche“ (Dietrich Bonhoeffer)

 

 Jetzt gingen wir ein Stück schweigend durch den immer dunkler werdenden Wald. Für einige in der Gruppe war das eine ganz neue und ungewohnte Erfahrung und eine Herausforderung. Die Augen konnten in der Dunkelheit zur Ruhe kommen, kein Gespräch lenkte mehr ab und das Tempo wurde noch etwas langsamer. Der Schotter unter den Schuhen knirschte und so musste man stehen bleiben, um die Stille zu hören, um das Plätschern eines kleinen Baches nicht zu überhören, um zu riechen und die Spinnenfäden zu spüren. Nach einer kurzen Rast im Schein von Teelichtern ging es im Stockfinstern weiter. Der Tastsinn wurde immer wichtiger, die Stimmen leiser und die Aufmerksamkeit für die Weggefährten größer. Kurz vor dem Ende unseres Nachtspazierganges wagten sich einige in der völligen Dunkelheit langsam tastend in das Gelände abseits des Weges. Obwohl wir alle nicht weit voneinander entfernt waren, konnten wir doch den unmittelbaren Nachbarn nicht sehen, sondern nur erahnen oder anhand der Geräusche ganz nah vermuten. Es war für einen Augenblick das Gefühl, ganz allein im Wald zu sein, und die Wahrnehmungen spannten sich von Gruselgefühlen bis zur Geborgenheit. Auf dem letzten Wegstück gab das Blätterdach hin und wieder den Blick auf einen klaren Sternenhimmel frei. Wir konnten Sterne sehen, die sonst im Lichtermeer der Stadt verschluckt werden. Am Ziel angekommen, leuchteten uns die Glitzerlichter der Stadt wie ein irdischer Sternenhimmel entgegen. Niemand ist in der Dunkelheit verloren gegangen aber viele haben die neue Erfahrung gemacht, das nichts sehen und stillsein nichts langweiliges sein muss. Und vielleicht hat mancher Nachtwanderer Lust auf mehr Wege im Dunkeln bekommen.

 Mai 2018

 


Ostseestrand bei Rerik

Frühling an der Ostsee

 

Nach dem Mistwetter der vergangenen Wochen wollten wir den Frühlingsbeginn an der Ostsee bei Rerik genießen. Entspanntes Schlendern am Strand und Hühnergötter, bunte Glasscherben und Bernstein finden. Als wir uns am Tag nach Ostern unserem Reiseziel näherten, hatten wir jedoch das Gefühl, in den Winterurlaub zu fahren. Die Schneefelder wurden immer größer. Wo der Schnee von Straßen und Wegen geräumt war, säumten hohe Schneeberge die Seitenränder. Es war aber keine weiße Pracht, sondern eine kalte, schwere Pampe, die bei 6° Plus dahin schmolz und in Gräben und Senken eine Fluss- und Seenlandschaft entstehen ließ.

Der Frühling aber ließ sich nicht aufhalten. In den nächsten Tagen wurde es immer milder und bis auf einen Regentag auch trocken. Der Schnee verschwand und überall zeigte sich frisches Grün und die ersten Frühblüher schienen nur auf Sonne und Wärme gewartet zu haben, um mit ihren Farben das dominierende Graubraun verschwinden zu lassen. Abends machten sich die Kröten auf den Weg zu ihren Laichplätzen. Einige, die noch etwas müde von der Winterpause oder in Gedanken schon mit ganz anderen Dingen beschäftigt waren, kamen jedoch nicht weit. Sie hätten sich lieber in den aufgestellten Eimern der Naturschützer über die Straße bringen lassen sollen. Eine Ringelnatter lag sicher im warmen Sand unterhalb der Steilküste und wärmte sich in der Sonne auf. Mit lautem Zischeln hielt sie allzu neugierige Besucher auf Abstand. Oft wurde sie aber nicht gestört, denn außer am Wochenende waren nur wenige Zwei- und Vierbeiner unterwegs, um das Meeresrauschen im milden Frühlingswind zu genießen. Abstecher nach Wismar, Rostock und Bad Doberan waren der urbane Kontrast zum Naturgenuss. Durch die größeren zeitlichen Abstände unserer  Städtetouren, zuletzt waren wir vor drei Jahren hier, haben wir die überwiegend positiven Veränderungen der Orte deutlich wahrnehmen können. Haben uns früher oft die krassen Gegensätze von alt und neu den gewachsenen Mittelweg vermissen lassen, so konnten wir jetzt einen harmonischeren Eindruck mit nach Hause nehmen.

April 2018

 


der Brocken im Winter

Winter-Brocken

 

Am Wochenende war ich nach längerer Pause mal wieder Hüttenbetreuer der Malepartushütte. Das ist eine Selbst-versorgerhütte  der Sektion Hildesheim des Alpenvereins in Oderbrück im Harz. Als Hüttenbetreuer bin ich so etwas wie der Herbergsvater. Ich bin für die Zuteilung der Schlafplätze zuständig, erkläre die Einrichtung und Nutzung des Hauses und stehe als Ansprechpartner für Fragen zum Aufenthalt und zu Wander- und Freizeitmöglichkeiten zur Verfügung. Trotzdem bleibt noch ausreichend Zeit für eigene Aktivitäten.

Der Samstag war kalt und windig, aber durch den Sonnenschein ein Tag, der Lust auf’s Draußensein machte. Da ich noch nie im Winter auf dem Brocken war, nutze ich also die Gelegenheit.

Ich ging ein kleines Stück auf dem Kaiserweg in Richtung Bodebruch  und weiter zum Dreieckigen Pfahl. Der Weg war gut zu begehen und der feste Schnee knirschte bei jedem Schritt unter den Schuhen. Rechts und links des Weges hatten sich die Skilangläufer ihre Bahn gespurt. Ich bog auf den Grenzweg ab und kam nach einer knackigen Steigung auf den Goetheweg, wo ich unterhalb des Königsberges auf die Gleise der Brockenbahn stieß. Bis zur von Schierke kommenden Brockenstraße verläuft der Wanderweg parallel zu den Gleisen und natürlich kam jetzt die Brockenbahn schnaufend und dampfend vom Brocken herunter und machte das Klischee perfekt. Auf dem Brockenplateau herrschte ein Betrieb wie beim Hildesheimer Bauernmarkt. Ich genoß so gut wie möglich die gute Sicht und verließ dann schnell wieder den zugigen Gipfel.

Auf dem Rückweg ließ ich noch einmal die weiße,  glitzernde Landschaft auf mich wirken und behielt etliche Winterbilder in Erinnerung. Den Brockengipfel genieße ich  aber doch lieber, bevor der erste Zug oben angekommen, oder nachdem der letzte zur Talfahrt gestartet ist.

März 2018

 


Sturm Friederike

Friederike

 

Wir starten am Samstagmorgen nach kurzer Zugfahrt in Bodenburg, um über Wehrstadt, Maiental, Petze und Diekholzen nach Hildesheim zurück zu gehen. Mit einen Schlenker um Bodenburg herum, gelangen wir über den kleinen Höhenzug Ohe an die Lamme. Der Wind ist kalt, der Boden fest gefroren. Wären die Temperaturen nicht so frostig, hätte ein tiefgündiger  Boden  bereits deutliche Spuren an unseren Schuhen und Hosenbeinen hinterlassen. Kurz hinter Bad Salzdetfurth, im Maiental, versperren die ersten vom Sturm Friederike entwurzelten Bäume den Weg. Wir müssen über Bäume klettern, unter ihnen hindurch kriechen oder die Schneisen des Windbruchs umgehen. Unser übliches Wandertempo wird deutlich gedrosselt und wieder sind wir froh über den gefrorenen Waldboden. Die Füße bleiben  trocken und die Schuhe sauber. Bis zur Hammersteinshütte kurz vor Diekholzen sind die Schäden des letzten Sturms sichtbar und es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis die gröbsten Spuren beseitigt sind. Zwischen Diekholzen und Marienburg weht uns wieder ein sehr kalter kalter Ostwind frische Luft ins Gesicht, sodass uns die Sonnenstrahlen leider nicht wärmen können. Pünktlich zur Kafeezeit bin ich nach meiner ersten längeren Winterwanderung in diesem Jahr wieder zu Hause und genieße heissen Tee und leckeren Kuchen.

Februar 2018